Darkness in El Dorado - Archived Document
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Internet Source: Neue Zuercher Zeitung, VERMISCHTE MELDUNGEN Seite 64, October 12, 2000
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Neue Zuercher Zeitung

October 12, 2000

Medizinische Experimente an Yanomami-Indios?; Vorwuerfe gegen Anthropologen in den USA

bwe. Bereits vor seinem Erscheinen macht das Werk eines Wissenschaftsjournalisten ueber die Erforschung der Yanomami Schlagzeilen: Fachleute, die Auszuege des Textes gelesen haben, erwarten, dass die von Patrick Tierney im Buch "Darkness in El Dorado" gegen mehrere Forscher erhobenen Vorwuerfe die anthropologische Welt in ihren Grundfesten erschuettern werden. Laut einem vertraulichen, urspruenglich an die Praesidentin der American Anthropological Association (AAA) gerichteten Brief, der seit kurzem bei den Medien zirkuliert, soll Tierney in den vergangenen zehn Jahren ein anthropologisches Debakel uebelster Art aufgedeckt haben: Amerikanische Wissenschafter haetten in den spaeten sechziger Jahren unter den Yanomami-Indianern Venezuelas eine schwere Masernepidemie mit Hunderten von Todesopfern wenn nicht verursacht, so zumindest verschlimmert. Die fuehrenden Koepfe der damaligen Impfkampagne waren der im vergangenen Februar verstorbene Genetiker James Neel sowie Napoleon Chagnon, ein unterdessen emeritierter Anthropologie-Professor der University of California in Santa Barbara, der beruehmt fuer seine Yanomami-Forschung ist. Tierney bezichtigt vorab Neel, Yanomami-Indianer in Venezuela mit einer Lebendvakzine geimpft zu haben, die angeblich bekannt dafuer war, bei Personen mit geschwaechter Immunabwehr schwere, den Masern aehnliche Reaktionen hervorzurufen.

Der zentrale Punkt der Anschuldigung aber ist die Absicht, die der Autor Neel unterstellt: Dieser sei nicht daran interessiert gewesen, die urspruenglich sehr abgeschieden von der westlichen Zivilisation lebenden Ureinwohner vor eingeschleppten Masernviren zu schuetzen. Vielmehr habe er beobachten wollen, wie das Immunsystem dieser Personen mit fremden Erregern zu Rande komme. Denn Neel betrieb seit langem genetische Studien an den Yanomami und hatte seine eigene, von vielen als faschistoid bezeichnete Theorie entwickelt. Er glaubte, dass sich in kleinen, genetisch isolierten Gemeinschaften die vorteilhaften Gene dank einem besonders aggressiven Gebaren der Maenner durchsetzen.

Neben Chagnon, der inzwischen im Internet seitenweise Material praesentiert, das ihn entlasten soll, haben sich unterdessen auch ehemalige Teilnehmer der damaligen Expedition sowie ein an der Entwicklung des verwendeten Impfstoffes beteiligter Wissenschafter zu Wort gemeldet. Sie alle weisen die Vorwuerfe zurueck und halten den Anschuldigungen entgegen, die Masernepidemie sei nicht durch den Impfstoff unter den Indianern verbreitet worden. Vielmehr sei die Infektion bereits in einem benachbarten Dorf ausgebrochen und trotz Impfung nicht mehr aufzuhalten gewesen. Der Inhalt des Buches, das demnaechst erscheinen soll, wird eines der Haupttraktanden der Jahresversammlung der AAA sein, die im naechsten Monat in San Francisco stattfindet. Einige der damals Beteiligten sowie Tierney, der die ganze Debatte ins Rollen gebracht hat, haben ihr Kommen zugesichert.